Teil 2: Aufbruch in die Moderne
Gründerzeit
Ab 1866 begann in Hennigsdorf das große Abenteuer der industriellen Entwicklung. Ausgangspunkt bildeten die Ländereien des ehemaligen Lehnschulzenhofes, auf denen ein Rittergutsbesitzer aus dem Nachbardorf Eichstädt einen ersten Ziegelbrennofen errichten ließ. Der benötigte Ton wurde in den Marwitzer Tonbergen mühevoll mit Spaten gestochen und mit Pferdewagen auf Schienen herangeschafft. Die Ziegeleianlage erwies sich jedoch als unrentabel und wurde 1872 zwangsversteigert. Der neue Besitzer, Großschlächter Adolf Müller aus Berlin, erneuerte und erweiterte die Anlage beträchtlich. Um 1880 beteiligte sich der Berliner Tabakfabrikant und Kohlengroßhändler August Burg an dem modernisierten Betrieb, der fortan seinen Namen trug: „Dampfziegelei und Thonwerk Hennigsdorf a. Havel August Burg“. Im Jahr 1885 wurde ein erster Ringofen gebaut – das war der Moment, als die ganze Anlage auf Maschinenbetrieb umgestellt wurde. Plötzlich ging alles viel schneller! Bald darauf startete die Produktion von Falzziegeln. Die Produktpalette reichte von Dachfalzziegeln über Schmelzöfen bis hin zu verschiedenen Klinkern. Die glasierten Dachziegel sind noch heute an vielen Hennigsdorfer Gebäuden zu finden.
Nachdem der Betrieb durch den Ersten Weltkrieg so richtig ins Schlingern geriet, übernahm 1916 die AEG das Ruder. Nördlich des Tonwerks wurde kurzerhand eine Pulverfabrik hochgezogen, um Artilleriegranaten herzustellen und zu befüllen.
In den Marwitzer Tongruben wird der Ton abgebaut und in der Anfangszeit mit Pferdewagen zur August-Burg-AG nach Hennigsdorf transportiert.
Vom Handwerk zur Industrie
Im Jahr 1910 hatte die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) einen großen Coup gelandet und ein großes Stück Land erworben. Damit war der erste Schritt zur Gründung einer Großindustrie gemacht. Nur sechs Monate nach der Grundsteinlegung öffneten die neuen, riesigen Fabrikhallen ihre Tore. Und was wurde als Erstes produziert? Lacke und Heizapparate. Bald flogen sogar Flugzeuge vom Band! Der Fokus verschob sich dann auf den Bau von Dampf- und Elektromotiven. Dank seiner perfekten Lage an Wasser- und Schienenwegen konnte Hennigsdorf Rohstoffe und Güter günstig transportieren.
Der Wandel vom beschaulichen Dorf zum pulsierenden Industriestandort nahm Fahrt auf. Die Bevölkerung wuchs jährlich um beeindruckende 15 Prozent. Lebten im Jahr 1885 noch bescheidene 678 Menschen in Hennigsdorf, so stieg die Einwohnerzahl bis 1910 auf stolze 2.400 Menschen an. Und im Jahr 1925 waren es bereits über 7.600. Viele der neuen Arbeiter pendelten täglich nach Berlin, aber irgendwann wollten sie sich nicht mehr jeden Morgen in den überfüllten Zug quetschen. Also dachte die AEG: „Warum nicht gleich Wohnungen direkt um die Ecke bauen?“ Und so wurden fleißig Arbeiterwohnungen in unmittelbarer Nähe des Werkes errichtet. Hennigsdorf wurde also nicht nur industriell, sondern auch zum neuen Zuhause für viele Pendler!
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Marwitzer Straße
Die dreigeschossige Bebauung beiderseits der heutigen Marwitzer Straße entsteht 1926/27 im Auftrag des Stahlwerks. Als Wahrzeichen wird ein Häuserblock mit einem Uhrturm versehen.
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Nieder Neuendorf
Ende der 1850er-Jahre entstand nördlich von Spandau eine Personen- und Ausflugsschifffahrt, die sich in den folgenden Jahrzehnten weiterentwickelte. Damit war der Startschuss für den Erwerb von Grundstücken und den Bau von Ausflugsgaststätten entlang der Havel gegeben. Von 1896 bis 1908 entstanden in Papenberge drei große Restaurants mit Gartenbewirtschaftung und Dampferanlegestellen.
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Warmbadeanstalt
In der Bötzowstraße entsteht 1929 eine Warmbadeanstalt.
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Sportplatz
Einweihung des Gemeinde-Sportplatzes 1926.
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Reform-Realgymnasium
Das Hennigsdorfer Reform-Realgymnasium geht aus einer Privatschulinitiative hervor. Schöpfer des 1926 fertiggestellten Baus ist der Berliner Architekt Eduard Jobst Siedler.
Kanonenrohre für den Krieg
Mit dem Ersten Weltkrieg änderte sich auch für die AEG die Zeit. Deutschland brauchte Waffen und Munition und überzog die Welt mit Schrecken und Gewalt. Daran wollte auch die AEG mitverdienen. Also hieß es: „Lasst uns die Stahlindustrie ankurbeln!“ Die AEG bekam den Auftrag, sofort mit dem Bau eines neuen Stahlwerks zu beginnen – schließlich wurden Kanonenrohre produziert. Im Jahr 1918 ging das neue Werk dann an den Start, bereit, die Waffenproduktion auf Hochtouren zu bringen.
Wie überall in Deutschland hinterließ der Erste Weltkrieg auch in Hennigsdorf seine Spuren. Die AEG profitierte von umfangreichen Rüstungsaufträgen und verwandelte sich in eine gewaltige Kriegsmaschine. Doch der Preis war hoch: Insgesamt 134 Hennigsdorfer verloren ihr Leben an den Fronten des Ersten Weltkrieges. Ein erstes düsteres Kapitel der Stadtgeschichte endet mit der Kapitulation Deutschlands. 17 Millionen Tote sind zu diesem Zeitpunkt in Europa zu beklagen.
Eine verhängnisvolle Explosion
1916 erwarb die AEG die einstige Falzziegelfabrik August Burg AG am nördlichen Rande der Gemeinde Hennigsdorf und richtete dort provisorische Füllstationen und Fabrikationsgebäude für Minen, Granaten und Handgranaten ein. Kurze Zeit später wurde die Anlage um eine Pulverfabrik erweitert.
Am Morgen des 4. August 1917 explodierten beim Beladen eines Eisenbahnwaggons Wurfminen und ließen in einer Kettenreaktion gelagerte Munition und Produktionsbestände detonieren. Die Explosion forderte acht Tote und zahlreiche Verletzte. Die Mahnkopfsche Bäckerei und einige Häuser in der Fabrikstraße brannten nieder, die Kirche und die neue Schule wurden stark beschädigt, in nahezu allen Hennigsdorfer Häusern zerbrachen die Fensterscheiben. Die AEG übertrug der Gemeinde die Regulierung der Schadensansprüche, da die Glasversicherung und das Munitionsbeschaffungsamt die Schadensersatzansprüche ablehnten. Insgesamt waren Schäden in Höhe von 1,7 Millionen Mark zu verzeichnen. Zum Gedenken an die Opfer wurde auf dem alten Friedhof ein Gedenkstein errichtet.
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AEG Fabriken
Im Jahr 1917 erstrecken sich die AEG-Fabriken bereits auf einem Areal von rund 700.000 Quadratmetern. Im Vordergrund die Flugzeugfabrik.