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Teil 4: Wiederaufbau | Im Schatten der Grenze | Mauerfall 


Kriegsende und Wiederaufbau 

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Flüchtlinge und Vertriebene werden nach Kriegsende meist in provisorischen Baracken untergebracht.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lag ein Großteil Deutschlands in Schutt und Asche. Die Menschen machten sich unter den schwierigsten Bedingungen daran, ihre Heimat wiederaufzubauen. Nahrung und Kleidung waren Mangelware, und das Überlebensnotwendigste musste oft über den Schwarzmarkt besorgt werden. Anfang 1945 hielten sich etwa 29.000 Menschen in Hennigsdorf auf, darunter viele Flüchtlinge, Kriegsgefangene, Fremdarbeiter und Ausgebombte. Am Morgen des 22. April 1945, erreichte die 47. Sowjetische Armee das Havel-Ufer gegenüber Hennigsdorf. Kurz zuvor hatten Wehrmacht und Volkssturm den Straßenübergang und die beiden Eisenbahnbrücken gesprengt. Im Laufe des Tages gelang es der Roten Armee hölzerne Behelfsbrücken zu errichten und nach Hennigsdorf überzusetzen. Der Ortskern wurde zügig erobert, erst am Nieder Neuendorfer Kanal stießen die Angreifer auf heftigen Widerstand. Wie nahezu überall in Ostdeutschland war der Einmarsch russischer Truppen auch in Hennigsdorf mit Tod, Vergewaltigung, Plünderung und Zerstörung verbunden.


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Aufräumarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Demontagen und Beschlagnahmungen der Betriebe trafen vor allem das Stahl- und Walzwerk sowie die AEG-Werke. Ganze Montageabteilungen und Betriebsteile samt aller Maschinen wurden als Reparationsleistungen aus Hennigsdorf nach Russland transportiert. Ab 1948 begann dann langsam der Neuaufbau der Industrie. Doch die drückenden Reparationslasten, der von der SED-Führung eingeleitete Aufbau des Sozialismus und die beginnende Massenabwanderung nach Westdeutschland stellten die 1949 gegründete DDR vor große Herausforderungen.




Hennigsdorf im Schatten der Grenze 

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Der heute noch erhaltene Grenzturm wurde 1987 als Führungsstelle des Grenzregimentes 38 "Clara Zetkin" für 18 weitere Grenztürme erbaut.

Obwohl seit 1952 viele Straßenverbindungen nach West-Berlin unterbrochen waren und die Zahl der Übergänge drastisch reduziert wurde, gab es immer noch Möglichkeiten, die Grenze zu überqueren! In Hennigsdorf hatte eine Grenzpolizeiabteilung die Kontrolle über die Kontrollpunkte an der Ruppiner Chaussee, am S-Bahnhof Stolpe Süd und am alten Kanal in Nieder Neuendorf. Ihre Hauptaufgabe? Republikfluchten und Schmuggelgeschäfte zu verhindern. In den ersten Tagen nach dem 13. August 1961 gelang es einigen mutigen DDR-Bürgern, die Flucht zu ergreifen, weil es an vielen Stellen noch Lücken in der Grenzbefestigung gab. Einige Schwimmer durchquerten sogar den noch zugänglichen Nieder Neuendorfer See auf ihrem Weg nach West-Berlin! Doch bald darauf wurden Stacheldrahtzäune errichtet, und Ende der 1960er-Jahre begann man mit dem Bau der eigentlichen Mauer. Bis 1989 verlief die Grenze zwischen Ost und West mitten durch den Nieder Neuendorfer See! Die Grenze wurde mit Bojen markiert, damit auch ja niemand aus Versehen ins falsche Gewässer schwamm. Auf einer künstlich aufgeschütteten Anhöhe, nur wenige Meter vom Havelufer entfernt, errichtete das Grenzregiment einen Grenzturm. Von dort aus wurde das gegenüberliegende Westufer observiert.


Bauen und Wohnen in Hennigsdorf 

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Baustelle Hennigsdorf-Nord.

Mit dem stetigen Anstieg der Einwohnerzahl in Hennigsdorf wurde es langsam eng. Die Bevölkerung stieg und damit auch der Bedarf an Wohnungen und allem, was dazu gehörte – also Schulen, Kindergärten, HO-Verkaufsstellen, Gaststätten und sogar eine Schwimmhalle. Zwischen 1977 und 1980 wurde dann das wohl größte Projekt der Stadt auf die Beine gestellt: 1.400 neue Wohnungen. Dazu gab's gleich noch ein paar Schulen, Kindergärten und Einkaufsmöglichkeiten obendrauf. So entstand das neue Wohnviertel Hennigsdorf Nord. In den Jahren von 1945 bis 1990 wurde in Hennigsdorf insgesamt ein riesiges Paket geschnürt: 6.000 Wohnungen für rund 15.000 Menschen!


Gelebte Demokratie

Auf Vorschlag des evangelischen Pfarrers Misselwitz wurde im Herbst 1989 ein Bürgerkomitee für Hennigsdorf gegründet. Neben Kirchenleuten und oppositionellen Gruppen fanden sich darin auch Vertreter der Blockparteien und der SED wieder. Das Bürgerkomitee diente nicht nur als Organisator der Montagsdemonstrationen, sondern war zugleich Ansprechpartner gegenüber dem bisherigen SED-dominierten Rat der Stadt. Als Diskussionsplattform ersetzte das Bürgerkomitee anfangs auch den in vielen anderen Orten agierenden Runden Tisch. Ein solcher gründete sich in Hennigsdorf erst am 10. Januar 1990.


Grenzöffnung in Hennigsdorf 

Als in der Nacht zum 10. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, war davon in Hennigsdorf zunächst wenig zu spüren. Um nach West-Berlin zu gelangen, mussten die Hennigsdorfer in den nächsten Wochen erst einmal größere Umwege in Kauf nehmen, zum Beispiel über den ehemaligen Autobahn-Grenzübergang Stolpe nach Heiligensee oder über die Heerstraße nach Spandau. Auch wenn ein Betreten nicht mehr lebensgefährlich war, so wurde der ehemalige Todesstreifen auch nach dem Mauerfall noch bewacht. Erst am 13. Januar 1990 wurde an der Ruppiner Chaussee ein Grenzübergang nach Heiligensee eröffnet, der den Hennigsdorfern einen direkten Zugang nach West-Berlin ermöglichte.


Mauerfall 

Nach dem Mauerfall und dem Lückenschluss der S-Bahn war es endlich soweit: Hennigsdorf konnte wieder richtig von seiner Nähe zu Berlin profitieren. In den letzten 30 Jahren hat sich die Stadt von einem grauen Industrieort zu einem modernen Technologiestandort gemausert. Neben Innovationen wie die Biotechnologie, aber auch der traditionelle Bereich der Stahlproduktion und die Verkehrstechnik, spielen immer noch eine wichtige Rolle. Trotz all der neuen Start-ups gibt's auch heute noch die alten Eisen: Die Nachfolgebetriebe des ehemaligen Stahlwerks und der LEW heute besser bekannt als die Hennigsdorfer Elektrostahlwerke GmbH (H.E.S.) und Alstom sind immer noch die größten Arbeitgeber. 


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