Stadler eröffnet Kundenabnahmezentrum
Wenn ein neu gebauter Stadler-Zug künftig zum ersten Mal unter Strom geht, passiert das in Hennigsdorf. An der August-Conrad-Straße hat der Schweizer Schienenfahrzeughersteller am 4. Juni 2026 die Halle 1 – das Kundenabnahmezentrum – seiner Bestimmung übergeben. Damit ist die zweite von fünf Etappen abgeschlossen, mit denen Stadler den Standort bis 2027 zum vollwertigen Inbetriebsetzungszentrum (IBS) ausbaut. Als Bekenntnis zur Region bezeichnete Geschäftsführer Josef Köcher den neuen Standort, als Stadler-Hub, vernetzt mit Pankow als Produktionsstandort.
Errichtet wird der Standort vom Bauunternehmen Stahl- und Verbundbau GmbH als Generalunternehmerin. Künftig werden alle Züge betriebsbereit gemacht, die im benachbarten Stadler-Werk in Berlin-Pankow gefertigt werden. „Inbetriebsetzung" – das umfasst alles zwischen der Montage und der Übergabe an den Kunden: Bordsysteme hochfahren, Hard- und Softwaretests im Stand und während der Fahrt, statische und dynamische Abnahmen. In Hennigsdorf kann dies künftig für mehrere Großaufträge parallel laufen.
Stadler ist seit über 20 Jahren in der Metropolregion Berlin-Brandenburg präsent. Mit Hennigsdorf bündelt das Unternehmen Aktivitäten, die bislang am IBS-Standort Velten angesiedelt waren. 2023 erwarb Stadler das rund 46.000 Quadratmeter große Grundstück in Hennigsdorf – einem Ort, der seit über hundert Jahren für den Schienenfahrzeugbau steht und nur wenige Kilometer vom Fertigungswerk in Berlin-Pankow entfernt liegt. Das Investitionsvolumen beträgt rund 40 Millionen Euro.
Halle 1 ist nun als Kundenabnahmezentrum auf das Herzstück des Geschäfts zugeschnitten: die finale Übergabe der Züge an die Kunden. Sie ist 3.360 Quadratmeter groß, rund 183 Meter lang und hat drei Hallengleise, zwei davon mit durchgehender Grubenwanne und Seitengrube. Drei technische Lösungen machen sie besonders. Feste Dacharbeitsstände bringen Personal und Kundinnen und Kunden ohne mobile Bühnen direkt auf Wagendachhöhe – dorthin, wo Stromabnehmer, Klima- und sogar Bremsanlagen geprüft und vorgeführt werden. Das beschleunigt die Abnahmen und erhöht die Arbeitssicherheit, wie es in einer Mitteilung von Stadler heißt.
Eine eigene Oberleitung in der Halle – erstmals in einem Stadler-Werk in Deutschland – spannt sich über drei Hallengleise. Damit kann jeder Zug schon in der Halle, lange vor der ersten Fahrt im Freien, unter realer Fahrleitungsspannung gestartet, geprüft und gemeinsam mit dem Kunden begutachtet werden.
Das Herzstück des Standorts ist die Mehrspannungsversorgungsanlage (MSVA). Sie gleicht die große Vielfalt im Bahnstromnetz Europas aus: Während etwa Deutschland, Österreich und die Schweiz überwiegend mit 15 kV bei 16,7 Hertz fahren, nutzen andere Länder wie Frankreich oder Spanien 25 kV bei 50 Hz. Auch im städtischen Verkehr gibt es Unterschiede: U- Bahnen werden meist über Stromschiene und mit abweichender Spannung betrieben, ebenso Straßenbahnen mit eigenen Systemen. Mit der MSVA lassen sich Stadler-Züge unter all diesen Bedingungen testen.
Die Eröffnung der Halle 1 ist Etappe 2 von insgesamt fünf. Vorangegangen war 2024 die Planungsphase nach dem Grundstückskauf 2023. Die nächsten Schritte sind: Ab 2026 – Etappe 3: Sanierung und Erweiterung der Bestandshalle 3 mit festen Dacharbeitsständen, neuer Krananlage und Mittelgruben in allen Gleisen; im Anbau entstehen 14 Büroarbeitsplätze.
Ab 2027 – Etappe 4: Sanierung der Bestandshalle 2 für die Inbetriebsetzung am Fahrzeug und die Fertigstellung. Und ab 2027 – Etappe 5: Bau der 744 Meter langen Außengleisanlage mit Oberleitung. Nach Vollausbau verfügt der Standort über insgesamt 1.437 Meter Hallengleis und 744 Meter Teststrecke im Freien.
„Mit Hennigsdorf bauen wir einen unserer wichtigsten Standorte in Europa auf – und zwar genau dort, wo unsere Züge gebaut werden. Kürzere Wege, schnellere Übergaben, mehr Kapazität für unsere Kunden", sagt Josef Köcher, CEO Stadler Deutschland GmbH. „In dieser Halle können wir jeden Stadler-Zug unter exakt der Spannung seines späteren Einsatzlandes prüfen. So geben wir den 128 Kolleginnen und Kollegen, die hier künftig arbeiten, die beste Infrastruktur dafür. Wir freuen uns besonders, in dieser Region zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen, um so gemeinsam die Verkehrswende in Europa zu gestalten", sagt Jürgen Graba, Leiter Inbetriebsetzung und Gewährleistung der Stadler Deutschland GmbH.
„Hennigsdorf steht seit über hundert Jahren für den Schienenfahrzeugbau. Mit Stadler bekommt diese Tradition weiteren wichtigen Impuls. Die Ansiedlung passt sehr gut in unser Profil als innovativer Industriestandort", macht auch BürgermeisterThomas Günther deutlich. „Die Umsetzung des neuen Stadler Inbetriebnahme Zentrums Hennigsdorf bei laufendem Betrieb und in eine bestehende Infrastruktur hat dank einer beispielhaften Zusammenarbeit aller Beteiligten hervorragend funktioniert. Das Ergebnis ist ein in Deutschland einmaliger Standort mit eigener Bahnstromversorgung, der die Inbetriebnahme aller Fahrzeugtypen für einen stromtechnisch europaweiten Einsatz gewährleistet“, betont Oliver Brandt, Geschäftsführer der Firma Stahl & Verbundbau GmbH.
Stadler baut seit über 80 Jahren Züge. Der Anbieter von Mobilitätslösungen im Schienenfahrzeugbau, Service und Signaltechnik hat seinen Hauptsitz im ostschweizerischen Bussnang. An 8 Produktions- und 6 Engineering-Standorten sowie an über 95 Servicestandorten arbeiten rund 18.000 Mitarbeitende, davon gegen 6.000 in der Schweiz. Stadler ist der weltweit führende Hersteller von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben (Wasserstoff und Batterie) sowie von Zahnradbahnfahrzeugen.