Erinnerungen im Quadrat
Stolpersteine im Stadtgebiet machen auf Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft aufmerksam
Nur zehn mal zehn Zentimeter klein und doch bleibt der Blick von Vorbeieilenden oft an ihnen hängen: die messingfarbenen Stolpersteine auf vielen Fußwegen in Deutschland. Auch in Hennigsdorf erinnern diese stillen Gedenkorte an die Opfer der Nazi-Barbarei, die ermordet oder vertrieben wurden.
88 Jahre ist es her, dass in Deutschland in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 Menschen um ihr Leben fürchteten, Synagogen brannten und Geschäfte jüdischer Inhaber geplündert wurden. Ein gewalttätiger Mob zog randalierend durch die Straßen – auch in Hennigsdorf. Millionen Jüdinnen und Juden mussten aus Deutschland flüchten oder wurden in den Folgejahren ermordet.
Auch heute sind Antisemitismus und Rassismus wieder sehr präsent. Dagegen ruft das Aktionsbündnis Lebendige Teilhabe H.A.L.T., das sich für Integration und gegen Rassismus stark macht, gemeinsam mit der Gemeinwesenbeauftragten Kerstin Gröbe auf. In den Tagen rund um den Novemberpogrom von 1938 gibt es Aktionen zahlreicher Gruppen und Initiativen, Schulen und Parteien, die sich für ein friedliches Miteinander in der Stadt engagieren. Sie versammeln sich an den insgesamt zehn Stolpersteinen, die der Künstler Gunter Demnig in Hennigsdorf auf Initiative des Heimatforschers Dr. Helmut Fritsch und weiterer Aktiver verlegt hat.
Ein Beispiel ist die Familie Blaschke. Vater Ernst war Direktor in den AEG-Fabriken und konnte mit seiner Frau und den beiden Kindern über Spanien nach Australien emigrieren. Das Wohnhaus steht nicht mehr, doch an der heutigen Neuendorfstraße 23 erinnern vier glänzende Stolpersteine an das Schicksal der vier Menschen. Linke, SPD, die Gemeinwesenbeauftragte, der Seniorenbeirat und der Ausländerbeirat laden am 9. November um 18 Uhr zum gemeinsamen Gedenken ein.
Um den Stolperstein der Familie Lachmann in der Hauptstraße 13 kümmern sich die Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde. Acht Familienangehörige starben nach der Deportation in Vernichtungslagern der Nationalsozialisten – das Uhrengeschäft in der Feldstraße wurde in der Pogromnacht vor 88 Jahren geplündert und zerstört. Nur Enkel Peter Lachmann überlebte, nachdem sich der Sohn von Else Sara Bela Lachmann, die in Auschwitz ermordet wurde, in Berlin-Reinickendorf verstecken konnte. Am 9. November um 17 Uhr starten die Konfirmanden an der Martin-Luther-Kirche, um den Stolperstein zu putzen und in ehrendem Gedenken betend zu verweilen.
Der Stolperstein in der Marwitzer Straße 48 erinnert an den Widerstandskämpfer Heinrich Bartsch, der 1944 im KZ Sachsenhausen ermordet wurde. Schülerinnen und Schüler der Sonnengrundschule werden am 9. November um 12.45 Uhr zum Putzen des Denkmals an den Stein kommen und hier gedenken.
In der Berliner Straße 18 liegen die Steine für Klara und Wilhelm Busse, die als Angehörige der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas verfolgt wurden. Klara Busse starb im Konzentrationslager Ravensbrück, ihr Ehemann überlebte den Todesmarsch vom KZ Sachsenhausen in Richtung Schwerin. Später lebte er mit Tochter Gerda wieder in Hennigsdorf – Schülerinnen und Schüler der Oberschule Adolph Diesterweg halten die Erinnerung an die Familie wach. Am 9. November werden sie sich um die beiden Steine versammeln, Kerzen entzünden und aus dem Leben der Familie erzählen.
Für den jüdischen Hennigsdorfer Schuhhändler Ludwig Goldmann ist in der Waldstraße 40 ein Stolperstein verlegt worden. Er wurde in der Pogromnacht 1938 von SS-Schergen verfolgt und starb nach der Deportation nach Minsk. Der Stein ist in der erinnernden Obhut der katholischen Kirchengemeinde.
Kerstin Gröbe hält das Stolpersteinputzen und Gedenken gerade in diesen Tagen für sehr wichtig: „Jetzt erst recht! Wir sehen, wie Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden und wie wir um die Gleichberechtigung aller Religionen, Lebensentwürfe und Hautfarben ringen müssen. Für Intoleranz sollte in unserer Stadt kein Platz sein“, betont die Gemeinwesenbeauftragte und ruft zum gemeinsamen Erinnern auf.
Das Stolpersteingedenken wartet in diesem Jahr mit einer Neuerung auf: Seit wenigen Tagen können Interessierte per kostenloser App „Stolpersteine Digital“ alle 1500 Gedenksteine im Land Brandenburg auf einer digitalen Karte finden, sie mit dem Smartphone scannen und Informationen über die Opfer des Nationalsozialismus abrufen. Außerdem lassen sich virtuelle Kerzen entzünden. Auch die Hennigsdorfer Stolpersteine sind auf der Plattform erfasst.